Ein möglicher Nicaraguakanal als Konkurrenz zum Panamakanal?

In der hiesigen sicherheitspolitischen und geostrategischen Debatte fällt der Blick selten auf die Region Mittelamerika. Doch gerade für den internationalen Warenverkehr auf See ist Mittelamerika, namentlich aufgrund des Panamakanals, der den Atlantik mit dem Pazifik verbindet, von herausragender Bedeutung. Sebastian Schulte, Blog-Manager von Meer Verstehen des Deutschen Maritimen Instituts e.V. und Oberleutnant zur See der Reserve schreibt auf Sicherheit vernetzt exklusiv über das Streitthema eines Konkurrenzbaus in Nicaragua und dessen wirtschaftliche und politische Auswirkungen in der Region und weltweit:

In der Mai-Ausgabe des Fachmagazins MarineForum lesen wir folgende Kurzmeldung:

“Konkurenz für den Panamakanal

Die seit langem in Nicaragua bestehenden Pläne für den Bau eines Kanals als Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik in Konkurrenz zum Panamakanal scheinen nun zum wiederholten Mal wieder aufzuleben. Präsident Daniel Ortega hat dies kürzlich verkündet. Das Großprojekt soll mit Hilfe der Länder der Bolivianischen Allianz unter Führung Venezuelas finanziert werden. Im Mittelpunkt der Pläne stand und steht wieder der große Nicaraguasee, der über den Rio San Juan mit dem Atlantik verbunden ist. Bei vorangegangenen Plannungen, in die der Rio San Juan einbezogen war, gab es jedoch immer wieder Konflikte mit Costa Rica, das ebenfalls an den Fluss grenzt. Als Nicaragua 2010 begonnen hatte, das Flussbett aszubaggern, angeblich um das Anlaufen des Hafens San Juan del Norte auch Kreuzfahrtschiffen zu ermöglichen, ist es deswegen zu einem solchen Streit gekommen. Nicaragua hat damals abgestritten, den Bau eines Nicaraguakanals vorzubereiten.” (MarineForum, Ausgabe Mai 2012)

Nicaragua und Panama; Grafik: Googlemaps

An der Meldung ist was dran! Tatsächlich gibt es den Panamakanal nur deshalb, weil verschiedene Kanalprojekte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Nicaragua aus finanziellen und politischen Gründen nicht über die Plannungsphase hinaus kamen. Der Nicaraguasee ist der größte See in Mittelamerika und würde bei einem Kanalbau in jedem Fall mit einbezogen werden. Ein Nicaraguakanal würde die Verbindung San Francisco – New York um etwa 800 Kilometer verkürzen. Diese Route ist besonders für China, Japan und andere asiatische Staaten für ihren Handel mit den USA wichtig, aber auch der europäische Seehandel nach Ostasien würde von dem Kanal profitieren. Außerdem könnte der Kanal von Anfang an auf die heutigen Superfrachter zugeschnitten werden und die Nutzung durch Schiffe von bis zu 250.000 Tonnen erlauben. Der Panamakanal leidet schon länger an Kapazitätsproblemen, heute können nur Schiffe mit maximal 65.000 Tonnen den Kanal durchfahren. Bis 2014 sollen die 2007 begonnenen Erweiterungsarbeiten abgeschlossen werden, diese sollen dem Panamakanal erlauben Schiffe von bis zu 180.000 Tonnen aufzunehmen. Im Jahre 2009 haben etwa 299,1 Millionen Tonnen Schiffsraum den Panamakanal durchfahren.

Konzeptzeichnungen des Panama- und Nicaraguakanals im Vergleich; Grafik: Meyer Lexikon, 1888.

Spannend wird es, wenn man die Entwicklung der Kontrolle über die Handelsflüsse betrachtet: Der Panamakanal selbst wird von der Regierung Panamas durch die Panama Canal Authority (ACP) betrieben. Allerdings werden seit 1999 die jeweiligen Endhäfen des Kanals, Cristobal und Balboa, von einer chinesischen Investorengruppe betrieben. Dieser Umstand ließ die heutige US-Aussenministerin Hillary Clinton im Jahre 2006 zu der Äußerung hinreißen, dass China den Panamakanal kontrollieren würde.

Das neuerliche Interesse an einem Nicaraguakanal wird ebenfalls maßgeblich von Konkurenten der USA getragen. Das sozialistische Venezuela unter der Führung von Hugo Chavez ist offen antiamerikanisch eingestellt. Die von Chavez als sozialistische Wohlstandsphäre gegründete “Bolivianische Allianz für die Völker unseres Amerika” ALBA (Alianza Bolivariana para los Pueblos de Nuestra América) soll in den aktuellen Plänen die führende finanzielle Kraft hinter einem Kanalprojekt sein. Nicaragua, unter dem sozialistischen Präsidenten Daniel Ortega, ist ebenfalls Mitglied von ALBA. Trotz der Petro-Dollars von Chavez’ Venezuela, welches de facto ALBA hauptsächlich finanziert und führt, dürfte das Projekt Nicaraguakanal für die Interessierten in Mittel- und Lateinamerika nicht einfach zu stemmen sein. Daher verwundert es auch nicht, dass die Fühler bereits Richtung China zwecks Hilfe bei der Finanzierung ausgestreckt wurden.

Aus Sicht der USA ist die Entwicklung, die Kontrolle des Handelsflusses in ihrer eigenen Region an China und andere nicht-westliche Bündnisse zu verlieren sicherlich bedenklich. Werden die USA zwei Kanäle in Mittelamerika unter chinesischer Kontrolle dulden?

Sebastian Schulte
Meer Verstehen

2 thoughts on “Ein möglicher Nicaraguakanal als Konkurrenz zum Panamakanal?

  1. Eine wirklich spannende Entwicklung, die man im Auge behalten sollte!

    Leider läßt sich Nicaragua genau mit den falschen Partnern ein – mit ALBA setzt man politisch/strategisch sicherlich nicht auf das richtige Pferd. Mitglieder von ALBA sind Antigua und Barbuda, Bolivien, Dominica, Ecuador, Kuba, Nicaragua, St. Vincent und die Grenadinen sowie Venezuela. Die politischen Schwergewichte sind Kuba und Venezuela mit ihrem antiwestlichen Kurs, die anderen Länder spielen sowohl wirtschaftlich als auch politisch nicht in der selben Liga. Sie dienen im Prinzip nur der Legitimation Kubas und Venezuelas durch eine vermeintlich regionale Interessenvertretung.

    Somit ist ALBA nicht nur finanziell und politisch vor allem von Venezuela (Petro-Dollars!) abhängig, sondern tatsächlich von der politischen Figur Hugo Chavez selbst. Und weil dessen politische Zukunft nicht so sicher ist wie es scheint, steht auch ALBA auf wackeligen Füßen: Im Oktober 2012 wird in Venezuela gewählt und es ist fraglich ob Chavez aus gesundheitlichen Grünen noch ernsthaft antreten wird können. …

  2. Pingback: China und Brasilien als neue maritime Achse? | Offiziere.ch

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